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Manchmal kommt es uns vor, als trügen wir die Welt auf unseren Schultern. Unser Verantwortungsgefühl reicht weit über unsere tatsächliche Macht hinaus. Es gleicht dem Schicksal des mythischen Atlas: Er hält das Himmelsgewölbe und kann die Last nicht ablegen.
In solchen Momenten denken wir: „Wenn die Welt leidet, sind wir schuld.“ Die Schuld wird total. Doch hinter diesem Schmerz verbirgt sich nicht nur Leid, sondern auch eine Fantasie von Größe. Wenn wir an allem schuld sind, sind wir schließlich auch allmächtig. Auf diese Allmacht zu verzichten heißt, die eigenen Grenzen anzuerkennen. Das fällt besonders schwer, wenn wir erschöpft sind. Denn manchmal erscheint uns die Illusion von Macht, so trügerisch sie sein mag, als das Letzte, was uns bleibt.
Diese Haltung hat auch eine Kehrseite: die Anfälligkeit für Manipulation. Unsere Schuld wird zu einem Brennstoff, den andere leicht nutzen können:
- „Wenn wir nicht für das ganze Volk leiden, sind wir Verräter.“
- „Wenn wir unseren Partner nur genug lieben würden, wäre er oder sie glücklich.“
- „Da wir die Tiefe der Probleme verstehen, ist es unsere Pflicht, sie zu lösen.“
Je mehr wir versuchen, diese Schuld zu sühnen, desto stärker bestätigen wir unsere „Allmacht“. Der Kreis schließt sich, und die Last der Welt drückt noch schwerer.
Der Ausweg liegt in der Achtsamkeit. Verantwortung entspricht immer der Macht, die wir haben. Wir können die Welt nicht halten, aber wir können unseren Teil tragen. Die Illusion der Allmacht loszulassen ist keine Kapitulation, sondern eine Rückkehr in die Wirklichkeit. Es ist ein Schritt, der befreit und uns standfester macht.
Die Welt ruht nicht auf unseren Schultern, und das Glück anderer Menschen liegt nicht in unserer Hand, was immer uns auch scheinen mag. Aber wenn wir genauer hinsehen, entdecken wir vielleicht die Verantwortung für unser eigenes Leben – und sie entspricht unseren Möglichkeiten.